Das Versmaß muss stimmen
Die Gedichte meines Vaters liegen in großen Ordnern schon eine Weile herum. Ich habe sie jetzt in einen Schrank gestellt, den ich nach und nach für das Familienarchiv frei räume.
Vorhin blätterte ich darin und schlug spontan eine Seite auf.
In Waldkirch im Dettenbach hinten
Stand einst ein verwaistes Haus,
Da gingen schon viele Jahre
Keine Bauern mehr ein und aus.
Wie war sie doch romantisch
die gute alte Zeit,
ach, käm sie doch mal wieder,
was wär das für 'ne Freud.
Mein Vater hielt immer das Versmaß ein. Es war das erste, das er mir beibrachte, als ich ein eigenes Gedicht vortrug. "Man muss das Ve-rrr-ssss-maß einhalten."
Ich bin bis heute immer unangenehm berührt, wenn jemand ein Gedicht schreibt und die Verse unterschiedlich viele Silben haben. Oder wenn es sich an einigen Stellen reimt, an anderen nicht.
Im Fall obiger Reime nun würde ich meinem Vater gerne etwas sagen, was ja leider nicht mehr geht. Ich habe von einem Freund gelernt, beim Dichten keine Füllwörter oder Abkürzungen zu verwenden, bloß, damit das Versmaß stimmt. Ich glaube, wir unterhielten uns – aus welchen Gründen auch immer – über die "Häschenschule". Er war voller Verachtung, weil so ähnliche Dinge wie "Ach" und "Oh" eingefügt sind. Er bezeichnete das sinngemäß als billige Hilfsmittel. Darüber hätte ich mit meinem Vater sehr gerne gefachsimpelt. Wir hätten gemeinsam herumprobiert, wie er das "Ach" und die Abkürzung "'ne" in dem Vers durch eine stimmigere Formulierung ausmerzt.
Nun will ich gleich einen Blick in die "Häschenschule" werfen und schauen, ob das mit den "unmöglichen" Versen tatsächlich stimmt ...
Es stimmt.

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