Postkarte statt Handy
Mein Briefprojekt verläuft unspektakulär. Sehr viele Erkenntnisse kann man bei so etwas nicht haben. Das stelle ich bereits nach wenigen Tagen fest. Ich weiß auch nicht wirklich, wem ich alles schreiben soll. Einem Teil der Personen, bei denen es naheliegt, habe ich bereits einen Brief geschickt – und weiter? Meine ursprüngliche Idee, einfach an fremde Leute zu schreiben, finde ich nicht mehr so gut. Menschen, die mich nicht kennen und einen handgeschriebenen Brief von mir erhalten, fühlen sich vielleicht bedroht oder glauben an einen Betrug.
Der hauptsächliche Effekt ist, dass ich entrümple. Dazu fühle ich mich durch mein Vorhaben ermuntert, Briefumschläge aus alten Buchseiten zu fabrizieren. Entrümpeln heißt, ich sortiere Bücher aus und bringe sie zum offenen Bücherschrank. Wirklich weniger scheinen es kaum zu werden, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Am Ende des Jahres wird sich schon ein Ergebnis zeigen.
Als ich heute vor dem offenen Bücherschrank stand, fragte mich eine Frau, ob ich für die Pflege zuständig sei. Ich dachte zuerst, sie meint, ob ich Krankenpflegerin sei. Doch sie dachte, ich würde den Bücherschrank pflegen. Was ich im Grunde bei meinen Besuchen tue. Bin ich dort, stelle ich die Titel ordentlich wieder auf, sortiere um und rücke gerade.
Heute Abend fische ich mal eine alte Karte aus meiner früheren Postkartensammlung. Ich habe einen ganzen Schuhkarton voll. Auch so eine Sache, die ich mal entrümpeln könnte. Denn es sind nicht nur Postkarten meiner Freundinnen und Freunde oder Verwandten an mich in der Kiste, sondern auch Grüße, die unbekannte Menschen an beispielsweise meine Großeltern geschrieben haben. So etwas muss ich nicht aufheben. Eine Postkarte, die ich wahllos herausgreife, zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Ich hatte geschrieben: "Hallo Fabi und Jürgen! Wie wär's, wenn wir am Sonntag kommen? Schickt uns eine Karte mit Zu- beziehungsweise Absage und Uhrzeit! Sixtus und Peter, Petra und Gerold." Alle unterschrieben einzeln.
Wir waren damals, die Karte stammt aus 1982, eine Clique. Und offensichtlich hatten Fabi und Jürgen kein Telefon. Auch mein Partner und ich hatten womöglich keines. Heute undenkbar, damals half die Post. Die gelaufene Karte habe ich mir beim Besuch dann wiedergeben lassen ...

Ja witzig. Schöne Erinnerungen. Ich habe kürzlich einen handgeschriebenen Brief des Vaters gefunden, den er über mehrere Tage geschrieben hatte. Er war gerade für ein Jahr in Italien und berichtete Belanglosigkeiten, wie zB., dass er Selleriesalat machen müsse, weil die Knolle weg müsse. Ich schreibe ab und zu Briefe an eine Familie aus Kindertagen.
AntwortenLöschenSelleriesalat, hm, sicher lecker
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