Ihr leerer Blick


 In einem Zeitschriftenband der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft fällt mir ein Foto auf. Es zeigt die französische Kinderbuchschriftstellerin Sophie de Ségur. Das Bild stammt aus einem Buch, das nur Fotografien enthält, und der Autor des Artikels stellt einen Teil dieser Bilder vor. Er lässt sich über den traurigen Blick der dargestellten Dame aus. Ich frage mich, wer sie gewesen ist und googele ihren Namen. Stelle fest, sie war die bekannteste französische Kinderbuchautorin des 19. Jahrhunderts. Ich recherchiere über sie. Tatsächlich, sie hat einige Kinderbücher geschrieben, die mich interessieren. Und schon bin ich wieder dabei, zu überlegen, ob ich mir eines ihrer Werke bestelle. Der nicht ganz niedrige Preis hält mich ab. Eine Leseprobe würde mir reichen, und ich finde irgendwo auch etwas. 
So ist es eigentlich mit allen Büchern: Schlägt man eins auf, eröffnet sich eine Welt, die schier unendlich scheint. Jeder Impuls beim Blick in die Literatur kann einen weit führen und etwas Großes auslösen. Die Welt der Bücher ist wie das Universum. 

Heute habe ich die traurige Nachricht vom viel zu frühen Tod eines lieben Autoren-Kollegen gehört. Wir hatten uns aus den Augen verloren, nun aber gab es einen Anlass, Kontakt aufzunehmen. Meine E-Mail an ihn kam zurück, das Telefon meldete "Kein Anschluss unter dieser Nummer". Als ich nachforsche, erfahre ich, dass er schon vor dreieinhalb Jahren gestorben ist. Das ist tragisch und erschütternd. So passt der Blick von Sophie de Ségur zu meinem heutigen Seelenzustand ... 

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